Gum­mi­ge­schosse — Tote nur eine Frage der Zeit

11 Mai 2015 | Blick über den Tellerrand, Repression

Trotz zahl­rei­cher schwe­rer Ver­let­zun­gen und sogar Todes­fäl­len wer­den Gum­mi­ge­schosse bis heute in vie­len Staa­ten (dar­un­ter auch Demo­kra­tien wie die USA, Spa­nien, die Schweiz oder Frank­reich) als Mit­tel zur Kon­trolle von Men­schen­men­gen ein­ge­setzt. Wenn es nach der Deut­schen Poli­zei­ge­werk­schaft (DPolG) gehen soll, müs­sen Poli­zis­ten end­lich wie­der auf Demons­tran­ten und Fuß­ball­fans schie­ßen kön­nen. Dabei ist der jüngste töd­li­che Vor­fall erst wenige Tage alt.

Bei einem viert­klas­si­gen Fuß­ball­spiel in Süd­po­len zwi­schen Con­cordia Knurow und Ruch Rad­zio­n­kow kam es letz­ten Sams­tag zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen bei­der riva­li­sie­ren­der Fan­grup­pen. Nach­dem einige Concordia-Fans den Rasen stürm­ten, setz­ten die her­bei­ei­len­den Poli­zis­ten, wie in Polen üblich, Gum­mi­ge­schosse gegen die ran­da­lie­ren­den Fuß­ball­an­hän­ger ein. Der Concordia-Anhänger Dawid Dzied­zic wurde dabei im Nacken getrof­fen, wenig spä­ter ver­starb die­ser im ört­li­chen Krankenhaus.

Auch im spa­ni­schen Bil­bao ver­starb im April 2012 der 28-jährige Atletico-Fan Iñigo Caba­cas an sei­nen schwe­ren Kopf­ver­let­zun­gen. Wie Augen­zeu­gen berich­te­ten, war der Athletico-Anhänger nach dem Euro­pa­po­kal­er­folg gegen Schalke 04 von einem Poli­zis­ten mit einer Gum­mi­pa­trone am Kopf getrof­fen wor­den. Bei der Obduk­tion stell­ten Ärzte schwerste Hirn­ver­let­zun­gen und einen Schä­del­bruch bei Caba­cas fest und bestä­tig­ten das diese durch ein Gum­mi­ge­schoss, abge­feu­ert durch einen Poli­zis­ten, ver­ur­sacht wurde. Wäh­rend zu der Zeit ein Platz­sturm in Düs­sel­dorf mit ins­ge­samt null Ver­letz­ten die Schlag­zei­len tage­lang domi­nierte, war der Tod des Fuß­ball­fans den deut­schen Medien kaum eine Zeile wert.

Doch was sind Gum­mi­ge­schosse eigentlich?
Gum­mi­ge­schosse sind eine Art spe­zi­elle Muni­tion, die mit­hilfe einer Pis­tole oder eines Geweh­res abge­feu­ert wer­den kön­nen. In den meis­ten Fäl­len bestehen diese aus Gummi oder ande­ren Kunst­stof­fen. Ein sol­ches Geschoss wird offi­zi­ell als “Nicht-tödliche Waffe” bezeich­net, aber von eini­gen Her­stel­lern als “Waffe mit abge­mil­der­ter Töd­lich­keit” ange­prie­sen. In den meis­ten Län­dern kommt diese Waffe in Ver­bin­dung mit Was­ser­wer­fern und Pfefferspray/Tränengas zum Ein­satz. Gewalt­be­reite Men­schen durch Gum­mi­ge­schosse handlungs- oder sogar kampf­un­fä­hig zu machen klingt vor­erst nach einem alter­na­ti­ven Mit­tel, wenn es darum geht, Men­schen mög­lichst auf Distanz zu hal­ten. Tat­säch­lich han­delt es sich um eine weit­aus mas­si­vere Waffe. Gum­mi­ge­schosse kön­nen Men­schen töten. Ein Tref­fer der Luft­röhre kann diese zer­quet­schen oder unter Umstän­den auch die Wir­bel­säule bre­chen. Ein Auf­prall des Geschos­ses im Auge kann die­ses schwer ver­letz­ten oder auch zum Ver­lust des Augen­lichts führen.
Die Wiege die­ser Art von poli­zei­li­cher Ein­satz­tak­tik steht im engen Zusam­men­hang mit den gewalt­sa­men Kon­flik­ten in Nord­ir­land. Dort wer­den sei­tens der bri­ti­schen Poli­zei seit 1968 Gum­mi­ge­schos­sen gegen Demons­tran­ten und Sym­pa­thi­san­ten der IRA ein­ge­setzt. Zwi­schen 1970 und 2005 kamen allein in die­sem Land mit dem Ein­satz einer sol­cher Muni­tion min­des­tens 17 Men­schen ums Leben. Nach dem es zu Beginn schwerste Kopf­ver­let­zun­gen bei Demons­tra­tio­nen gab, galt bald der Ein­satz­be­fehl auf Knie- und Bein­höhe zu schie­ßen, was zur Folge hatte, dass im Laufe der Zeit Jugend­li­che ver­letzt und sie­ben Kin­der gar getö­tet wurden.

Auch in der Schweiz steht das soge­nannte Gum­mi­schrott wie­der stark in der Kri­tik, nach­dem im Sep­tem­ber 2013 eine Neun­jäh­rige 80% ihrer Seh­kraft infolge eines sol­chen Poli­zei­ein­sat­zes ver­lor. Das Kind, wel­ches sich wäh­rend der Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Demons­tran­ten und Poli­zis­ten in Win­ter­thur hin­ter einem Auto ver­ste­cken wollte, wurde von einem Quer­schlä­ger getroffen.Nicht nur die Schwei­zer “Ver­ei­ni­gung unab­hän­gi­ger Ärz­tin­nen und Ärzte” for­dern des­halb ein lan­des­wei­tes Verbot.

In Deutsch­land wird spe­zi­ell nach gewalt­tä­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen bei Fuß­ball­spie­len oder Demons­tra­tio­nen der Ball über die Ein­füh­rung sol­cher poli­zei­li­chen Mit­tel immer wie­der durch die Deut­sche Poli­zei­ge­werk­schaft (DPolG) und aus Tei­len der Christlich-Demokratischen Union (CDU) ins Spiel gebracht.
Eine große Rolle spielt dabei erneut der Vor­sit­zende der DPolG und CDU-Mitglied Rai­ner Wendt. Er betont dabei stets, in wel­cher Gefahr sich die Beam­ten tag­täg­lich befin­den und begrün­det damit u.a. seine For­de­rung nach der Ein­füh­rung von Gum­mi­ge­schos­sen. Ende 2008 äußerte er sich gegen­über der Süd­deut­schen Zei­tung das ihm Ein­sätze von Gum­mi­ge­schos­sen bzw. ‑schrott mit töd­li­chem Aus­gang nicht bekannt seien. In vie­len Län­dern wür­den diese Waf­fen erfolg­reich erprobt. Auch im Juni 2012 unter­mau­erte Wendt seine For­de­run­gen erneut: “Wenn Was­ser­wer­fer nicht mehr rei­chen, muss die Poli­zei als Ant­wort auf die Steine, Brand­sätze und Stahl­ku­geln der Demons­tran­ten Gum­mi­ge­schosse einsetzen”.
Sein Kol­lege und baden-württembergischer Lan­des­chef der DPolG, Joa­chim Lau­ten­sack, ging Anfang 2013 sogar noch einen Schritt wei­ter und stoß eine Dis­kus­sion über „ […] den Ein­satz von Gum­mi­ge­schos­sen und Elek­tro­schock­waf­fen“ an. 

Dahin gehend distan­zierte sich der ehe­ma­lige Vor­sit­zende der kon­kur­rie­ren­den “Gewerk­schaft der Poli­zei” (GdP) Frank Rich­ter schon im Som­mer 2012 ent­schie­den von den For­de­run­gen der “Wendt´schen DPolG”: „Wer Gum­mi­ge­schosse ein­set­zen will, nimmt bewusst in Kauf, dass es zu Toten und Schwer­ver­letz­ten kommt. Das ist in einer Demo­kra­tie nicht hin­nehm­bar. […] Unser Rechts­staat muss wehr­haft sein, aber die Poli­zei darf dabei nicht bewusst den Tod von Men­schen im Kauf neh­men“, sagte Rich­ter. Er äußerte ergän­zend das man doch in Deutsch­land lebe und nicht in einem Bür­ger­krieg. Man solle ihn doch nicht noch beschwören.

Was bleibt sind aller­dings unzäh­lige, für das Leben gezeich­nete oder gar tote Men­schen. Staa­ten, welt­weit, die immer­noch an den mili­tär­ähn­li­chen Ein­sät­zen der Poli­zei fest­hal­ten. Popu­lis­ti­sche Poli­ti­ker und Funk­tio­näre in Deutsch­land , die ohne Scham sol­che For­de­run­gen anhei­zen. Die Fol­gen einer Ein­füh­rung sind für uns, als Schwarz-Gelbe Hilfe, klar abzu­se­hen. Eine sol­che Poli­zei ist eine Gefahr, nicht nur für Leib und Leben, son­dern auch auf das Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung und die Fan- und Bür­ger­rechte im Allgemeinen.

Bild­quelle: Ultras Tifo

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