Kom­men­tar der Schwarz-Gelben Hilfe zu den Vor­fäl­len in Bielefeld

20 Dez 2013 | Repression, Verein

Es gehört mitt­ler­weile zum unbe­ding­ten Muss, Zei­tungs­ar­ti­kel, Fern­seh­be­richte und Mel­dun­gen ver­schie­dens­ter Medien im All­ge­mei­nen nach einem Aus­wärts­spiel unse­rer SGD mit kri­ti­schem Blick zu betrach­ten. Lei­der auch beim aller­ers­ten Auf­tritt unse­rer SGD auf der „Alm“ in Bie­le­feld. Das Spiel ist nun seit genau zwei Wochen Ver­gan­gen­heit und mitt­ler­weile haben sich die Berichte rund um die Gescheh­nisse in Bie­le­feld stark rela­ti­viert. Auch wir von der Schwarz-Gelben Hilfe haben einer­seits selbst den lan­gen Weg nach Ost­west­fa­len ange­tre­ten und ande­rer­seits das mediale Echo in den Tagen nach dem Spiel irri­tiert verfolgt.

Wie­der ein­mal war von „schwer ver­letz­ten Poli­zei­be­am­ten“ (NW-News), „schwe­ren Aus­schrei­tun­gen“ (MDR) und „Ran­da­len“ (RP-online) die Rede. In die­sem Text möch­ten wir uns daher mit der, unse­rer Mei­nung nach sehr emo­tio­na­len, Bericht­erstat­tung aus­ein­an­der­set­zen und euch Gesichts­punkte auf­zei­gen, die, wie sagt man so schön, „hin­ten run­ter gefal­len“ sind. Es bleibt dabei jedoch fest­zu­hal­ten, dass wir die sinn­lose Gewalt gegen­über Unbe­tei­lig­ten kei­nes­falls gut­hei­ßen noch unterstützen.
Aus­ge­hen möch­ten wir vom Poli­zei­be­richt des Poli­zei­prä­si­di­ums Bie­le­feld. Die­ser wurde am 7. Dezem­ber um 00:48 Uhr ver­öf­fent­licht und hat bis zum heu­ti­gen Tag bestand.

Gleich zu Beginn ist von einem ver­meint­li­chen Durch­bruchs­ver­such von circa 250 Dyna­mo­fans durch eine Absper­rung der Bun­des­po­li­zei die Rede, wel­cher gleich nach Ankunft des Son­der­zu­ges im Haupt­bahn­hof Bie­le­feld pas­siert sein soll. Unse­rer Mei­nung nach fand solch ein Durch­bruch nicht statt. Viel­mehr gab es anschei­nend ein Miss­ver­ständ­nis in der Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen den ver­schie­de­nen Poli­zei­ein­hei­ten. Durch die­ses Miss­ver­ständ­nis wurde eine Poli­zei­kette abge­zo­gen, wel­che die ankom­men­den Zug­fah­rer zum rich­ti­gen Aus­gang lei­ten sollte (spä­ter war diese Poli­zei­kette wie­der vor­han­den!). Die ers­ten hun­dert Zug­fah­rer ström­ten dadurch in die fal­sche Rich­tung, als Folge kam es zum Ein­satz von Pfef­fer­spray und Schlag­stock. Inter­es­san­ter­weise sieht das Fan­pro­jekt Dres­den dies ebenso.
Des Wei­te­ren wird von 11 (zwei davon „erheb­lich“) durch Pfef­fer­spray ver­letz­ten Poli­zei­be­am­ten gespro­chen. Die­ses Pfef­fer­spray hat­ten vor­her Dresd­ner Fans der Poli­zei ent­wen­det und dann de facto gegen diese ein­ge­setzt. Sei­tens vie­ler Fuß­ball­an­hän­ger, nicht nur von Dynamo, brachte man die­ser Mel­dung stark Empö­rung und Ver­är­ge­rung. Es grenzt an Iro­nie, wenn Poli­zei­be­amte durch ihr eige­nes gegen sie ver­wen­de­tes Pfef­fer­spray als schwer ver­letzt dekla­riert wer­den, doch der all­wö­chent­li­che, oft, mas­sive Ein­satz gegen Fuß­ball­fans oder Demons­tran­ten nicht wei­ter Erwäh­nung fin­det. Pfef­fer­spray wird seit Jah­ren von Poli­zis­ten gegen­über Fans ein­ge­setzt. Berech­tigt als auch unbe­rech­tigt, dann jedoch oft­mals unter dem Deck­man­tel der „Dees­ka­la­tion“. So gut wie immer ist mit einer nicht uner­heb­li­chen Zahl an unbe­tei­lig­ten Opfern, wel­che in der Regel in kei­nem Poli­zei­be­richt und damit meis­tens auch in kei­ner Sta­tis­tik Erwäh­nung fin­den, zu rech­nen. Auch beim Spiel in Bie­le­feld traf es wie­der unbe­tei­ligte Dyna­mo­an­hän­ger. Allein bei der Schwarz-Gelben Hilfe haben sich inner­halb kür­zes­ter Zeit vier­zehn Fans gemel­det. Laut Fan­pro­jekt ist mit einer Zahl von min­des­tens 30–40 Fans zu spre­chen, wel­che, folgt man der Rhe­to­rik des Poli­zei­be­rich­tes, durch Pfef­fer­spray leicht bis schwer ver­letzt wur­den. Für uns sind diese Zah­len nicht uner­war­tet, aber trotz­dem erschre­ckend. Eine dif­fe­ren­zierte Bericht­erstat­tung hätte daher spe­zi­ell in die­sem Fall Sinn gemacht, ja wäre gera­dezu nötig gewe­sen! Eine auf­schluss­rei­che Aus­ein­an­der­set­zung um Pfef­fer­spray und sei­nen Ein­satz ist bei­spiels­weise auf turus.net gesche­hen (turus Maga­zin, 10.12.2013,). Dort wird inter­es­san­ter­weise erwähnt, dass Pfef­fer­spray auf­grund der Gen­fer Kon­ven­tion im Aus­lands­ein­satz der Bun­des­wehr nicht gestat­tet ist. Dass dies jedoch land­läu­fig hier nie­man­den zu inter­es­sie­ren scheint, wird Pfef­fer­spray und Reiz­gas wei­ter­hin rund um Fuß­ball­spiele infla­tio­när gebraucht wer­den und dadurch viele ver­letzte Fans zur Folge haben.

Im oben auf­ge­führ­ten Poli­zei­be­richt ist ebenso von einem „Ein­kaufs­markt“ die Rede, vor dem Pfef­fer­spray durch Dresd­ner Fans ver­sprüht wurde. Im Bei­trag der Fern­seh­sen­dung „Lokal­zeit“, eben­falls vom 07.12.2013, des WDR ist bereits von ca. 50 Fans die Rede, wel­che einen Super­markt gestürmt und in die­sem Pfef­fer­spray ver­sprüht haben. Aber nicht nur dem WDR ist diese Erstür­mung zu Ohren gekom­men. Auch die Süd­deut­schen Zei­tung sowie die Neue West­fä­li­sche weiß davon zu berich­ten. In der Dresd­ner Lokal­presse (Säch­si­sche Zei­tung, 7.12.2013, /Dresd­ner Neuste Nach­rich­ten, 10.12.2013,) kann der gemeine Bür­ger ebenso von die­sem Vor­fall lesen. Das Pro­blem an der gan­zen Sache ist jedoch, dass es diese Stür­mung des Lidl Super­mark­tes an der Jöl­len­be­cker Straße nicht gab! Die Lidl Regio­nal­lei­tung, sowie meh­rere Lidl Mit­ar­bei­ter wie­der­hol­ten auf Nach­frage, dass sol­che eine Erstür­mung geschweige denn ein Über­fall nicht statt­ge­fun­den haben (Fan­pro­jekt Dres­den). Auch in der Print­aus­gabe des kickers vom 16.12. ist zu lesen, dass es die­sen ver­meint­li­chen Über­fall nicht gab. Anschei­nend kon­zen­trie­ren sich Teile der media­len Land­schaft eher auf das gegen­sei­tige Abschrei­ben bezie­hungs­weise unre­flek­tierte Kopie­ren von Poli­zei­be­rich­ten als auf eine gewis­sen­hafte, unab­hän­gige Recher­che. Ein trau­ri­ger Punkt, der jedoch mitt­ler­weile fast schon zum Stan­dard bei Bericht­erstat­tung in und um den Fuß­ball gehört. Trau­rig ebenso, dass die Poli­zei einen öffentlich-rechtlichen Sen­der benutzt, um eine Falsch­mel­dung zu ver­öf­fent­li­chen. Mag sein, dass dem Poli­zei­be­am­ten durch seine Kol­le­gen nicht kor­rekte Infor­ma­tio­nen über­mit­telt wer­den. Aber warum ver­sucht man nicht wenigs­tens diese zu kor­ri­gie­ren?! Das oft beschrie­bene „pro­ble­ma­ti­sche Ver­hält­nis“ von Fuß­ball­fans zur Presse und Poli­zei wird durch sol­che Vor­fälle auf jeden Fall nicht ver­bes­sert werden!
Doch kom­men wir zurück zum Spiel an sich. Abge­se­hen von der Bericht­erstat­tung in den Tagen danach ist direkt am Spiel­tag die Situa­tion am Ein­lass kri­tisch anzu­mer­ken. Eine Ein­heit von behelm­ten und teil­weise ver­mumm­ten Poli­zei­be­am­ten als Regu­lie­rung der ankom­men­den Fans, in solch einer bereits ange­spann­ten Atmo­sphäre ein­set­zen, ist durch­aus infrage zu stel­len. Dar­über hin­aus konn­ten in die­ser Situa­tion mehr­mals Über­griffe von Poli­zei­be­am­ten auf nor­male Fans (u.a. Faust­schläge in die gedrängte Men­schen­menge) beob­ach­tet wer­den. Des Wei­te­ren betrach­tete Geschäfts­füh­rer Mül­ler die Ein­lass­si­tua­tion mehr als 1,5h und konnte dabei eben­falls keine Zwi­schen­fälle oder Fehl­ver­hal­ten von­sei­ten der Fans feststellen.
Dem enorm hohen media­len Druck, wel­cher sei­tens der Presse und der Poli­zei unter Zuhil­fe­nahme von Falsch­mel­dun­gen und Über­trei­bun­gen auf­ge­baut wurde, konnte unsere Ver­eins­füh­rung lei­der nicht stand­hal­ten. Wir fin­den es unglück­lich, wenn Dynamo Dres­den als Ver­ein in der offi­zi­el­len Pres­se­mit­tei­lung Begriffe wie „Kra­walle“ oder „Aus­schrei­tun­gen“ direkt über­nimmt. Eine detail­lierte Auf­ar­bei­tung fin­den wir lobens­wert und dies ist auch Ziel aller, jedoch fin­den wir es als Schwarz-Gelbe Hilfe pro­ble­ma­tisch, wenn in einer Mel­dung (am Tag danach) auf der offi­zi­el­len Inter­net­seite die Voka­beln direkt aus den „Revol­ver­blät­tern“ rezi­piert wer­den, ohne wahr­schein­lich selbst schon direkte Kennt­nisse von den Gescheh­nis­sen zu haben. Durch solch ein Schuld­ein­ge­ständ­nis bringt man sich wie­der selbst in die Täter­rolle. Eine Ver­än­de­rung der Außen­dar­stel­lung des Ver­eins zum Posi­ti­ven wird dadurch nicht stattfinden.
Lei­der sind wir hier noch nicht am Ende. Denn zu guter Letzt wurde dem Fan­pro­jekt Dres­den durch einen Beam­ten der Bun­des­po­li­zei vor­ge­wor­fen, am Spiel­tag Pyro­tech­nik in Fan­pro­jekt­fahr­zeug trans­por­tiert und an die Fans ver­teilt zu haben. Abge­se­hen davon, dass Pyro­tech­nik nicht mit Ran­dale und Gewalt gleich­zu­set­zen ist, son­dern ein Teil von Fan­kul­tur dar­stellt, erkennt man, wel­chen Zweck die­ser Vor­wurf hat. Ziel ist es nicht nur den Ver­ein Dynamo Dres­den und seine Fans als Ran­da­lie­rer und Chao­ten an den Pran­ger stel­len, son­dern auch gleich­zei­tig all jene, wel­che im Zusam­men­hang mit Dynamo Dres­den ste­hen. Voll­kom­men unver­ständ­lich ist es daher, dass gerade die Insti­tu­tion, wel­che seit Jah­ren eher posi­tive Arbeit an der Fan­szene ver­rich­tet so in den Dreck gezo­gen wird. Sol­che eine Dif­fa­mie­rung und Ruf­schä­di­gung sucht sei­nes­glei­chen. Wel­che Fol­gen sol­che ein abstru­ser Vor­wurf hat, zeigte sich im Übri­gen schon beim dar­auf fol­gen­den Spiel in Köln. Hier wurde das Dienst­fahr­zeug des Fan­pro­jek­tes einer aus­ge­dehn­ten Kon­trolle unter­zo­gen und neben­bei noch die Per­so­na­lien der Fan­pro­jekt­mit­ar­bei­ter überprüft.
Was ist also nun fest­zu­stel­len? Ver­band, Medien und Poli­zei schei­nen kein Inter­esse zu haben die Gewalt­pro­ble­ma­tik als Pro­blem der Gesell­schaft anzu­er­ken­nen und es solch als die­ses zu behan­deln. Viel­mehr wird durch eine fal­sche Bericht­erstat­tung wie­der ein­mal das Bild der maro­die­ren­den Dyna­mo­h­or­den gezeich­net. Eine aus­ge­wo­gene Recher­che denn Bericht­erstat­tung ist nicht zu fin­den. Lie­ber gibt man wie­der den Scharf­ma­chern der Poli­zei­ge­werk­schaf­ten eine Bühne (Neue West­fä­li­sche, 16.12.2013, ). Mit einem mög­li­chen Steh­platz­ver­bot bei Aus­wärts­spie­len (Spie­gel Online, 11.12.2013,) zeigt auch der Ver­band, dass das Ver­spre­chen Dynamo Dres­den von nun an als Erst­tä­ter zu behan­deln nur eine hohle Phrase war, um ein Rück­zug der DFB Pokalk­lage zu erreichen.

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