Schwe­rer Unfall in Darmstadt

27 Aug 2019 | Allgemein, Blick über den Tellerrand

Nach Abpfiff der Zweitliga-Partie der SG Dynamo Dres­den am Böl­len­fall­tor in Darm­stadt ereig­nete sich ein fol­gen­schwe­rer Unfall. Ein Dyna­mo­fan, der auf einer Beton­wand des nicht fer­tig­ge­stell­ten Durch­gangs zum Gäs­te­block saß, stürzte etwa drei bis vier Meter in die Tiefe und lan­dete auf dem Boden des schma­len Durch­gangs. Erst­hel­fer und Fans eil­ten zum Unglücks­ort. Die Poli­zei rie­gelte nun fol­ge­rich­tig den Abmarsch der Fans ab, sodass ein Ret­tungs­ein­satz unge­hin­dert durch­ge­führt wer­den konnte. Alle Dyna­mo­fans ver­hiel­ten sich wäh­rend der Ver­sor­gung des Ver­un­glück­ten ruhig. Es gab kei­ner­lei Ran­ge­leien oder Stö­run­gen. Nach der Erst­ver­sor­gung am Unfall­ort folgte der Abtrans­port des schwer verün­g­lück­ten Dyna­mo­fan mit­tels eines Hub­schrau­bers aus dem Sta­dion. Wie man der Ver­eins­home­page der SG Dynamo Dres­den ent­neh­men konnte (Stand 25.08.2019 — Link zum Text ), befin­det sich der Fuß­ball­fan wei­ter­hin in einem sehr kri­ti­schen Zustand. Auch wir, die Schwarz-Gelbe Hilfe e.V., wün­schen dem ver­un­glück­ten Dyna­mo­fan bal­dige und voll­stän­dige Gene­sung, den Ange­hö­ri­gen und Freun­den viel Kraft bei der Beglei­tung des Unfall­op­fers. Unser Dank gilt neben den Erst­hel­fern und Ret­tungs­kräf­ten auch den Dyna­mo­fans, die mit ihrem beson­ne­nen Ver­hal­ten ihren Teil zur schnel­len Hilfe des betrof­fe­nen Fans beitrugen.

Mit dem wei­te­ren Text wol­len wir ver­su­chen, die­sen Unfall noch ein­mal genauer in Augen­schein neh­men, die bis­he­rige Bericht­erstat­tung zu ergän­zen und auf Män­gel bzw. Ursa­chen des Stur­zes hin­wei­sen. Dass dem ver­un­fall­ten Dyna­mo­fan ein Mit­ver­schul­den an dem Sturz trifft, steht dabei für uns außer Frage. Es gab wäh­rend der 90minütigen Spiel­zeit min­des­tens zwei deut­lich zu ver­neh­mende Durch­sa­gen des Sta­di­on­spre­chers des SV Darm­stadt 98 an alle Klet­te­rer im Gäs­te­block, die Mau­ern des Gäs­te­blocks zu ver­las­sen. Eben­falls soll ein Ord­ner mehr­fach die Fans auf deren Fehl­ver­hal­ten hin­ge­wie­sen haben. Ob zu Beginn der Klet­te­reien etwaige Warn­schil­der vor­han­den waren, ent­zieht sich aller­dings unse­rer Kennt­nis — nach Frei­gabe des Durch­gangs weit nach Spie­lende waren jeden­falls keine mehr zu sehen.
Auf der ande­ren Seite bleibt aller­dings fest­zu­hal­ten, dass aus unsere Sicht der Gäs­te­block in Darm­stadt erheb­li­che sicher­heits­re­le­vante Män­gel auf­wies — mit ande­ren Wor­ten: Es war eine, für den Zuschau­er­ver­kehr unge­eig­nete, Bau­stelle. Das Pro­blem begann mit der ver­spä­te­ten Ankunft von ca. 180–200 Dyna­mo­fans am Gäs­te­block. Zu die­sem Zeit­punkt war der Zugang zum Bereich bereits völ­lig ver­stopft und es begann sich ein Stau im Bereich des Schot­ter­we­ges bzw. in der obers­ten Reihe des Gäs­te­blocks zu bil­den. Laut Augen­zeu­gen­be­rich­ten bil­dete sich die­ser Stau auch schon weit vor Spiel­be­ginn. In Folge des­sen stan­den nun Dyna­mo­fans in drei Rei­hen auf der obers­ten Stufe des Gäs­te­be­reichs. Eine Sicht auf das Spiel­feld bzw. das Spiel war dabei nur beschränkt oder gar nicht mög­lich. Viele Fans began­nen nun in schlecht oder gar nicht abge­si­cherte Bau­stel­len­be­rei­che vor­zu­drin­gen oder eben auf ein­zelne Mau­er­teile des künf­tig als Zugang geplan­ten Mund­lochs zu klet­tern. Zu die­sem Zeit­punkt waren kei­ner­lei Ord­ner im Bereich der Bau­stel­len oder der unfer­ti­gen Beton­teile, um die­ses zu ver­hin­dern. Ein Aus­wei­chen in andere Teile des Sta­di­ons bspw. der Sitz­platz­hin­ter­tor­tri­büne wurde durch Ord­nungs­dienst und Poli­zei ver­wehrt. Nur in Aus­nah­me­fälle gelang­ten ein­zelne Dyna­mo­fans auf die Hintertortribüne.

Auf­fäl­lig war eben­falls, dass es keine deut­li­che farb­li­che Mar­kie­rung der Beton­stu­fen für einen mög­li­chen Gang in Rich­tung Aus­gang oder der Flucht­wege gab. Viel­mehr mar­kier­ten ein­la­mi­nierte Papier­schil­der ohne Beleuch­tung an oben genann­ten Mau­ern den Flucht­weg bzw. Aus­gang. Anders als an deut­lich weni­ger gefähr­li­chen Berei­chen des Sta­di­ons waren dar­über hin­aus keine Ord­ner ein­ge­setzt, um diese frei­zu­hal­ten. Aus unse­rer Sicht ist dies keine adäquate Über­gangs­lö­sung für eine Groß­ver­an­stal­tung. Auf­grund der oben genann­ten Über­fül­lung des Sek­tors hal­ten wir das Ver­hält­nis von ver­kauf­ten Ein­tritts­kar­ten im Bereich der Dyna­mo­fans zur Kapa­zi­tät der vor­han­de­nen Plätze im Bereich des im Bau befind­li­chen Gäs­te­blocks für zumin­dest fragwürdig.

Nach­dem der Sturz erfolgte und die Erst­hel­fer von Ret­tungs­kräf­ten abge­löst wur­den, offen­barte sich ein wei­te­rer Man­gel an den Gege­ben­hei­ten die­ses Bau­stel­len­be­reich, da der ein­ge­setzte Ret­tung­wa­gen auf Grund der Lage nicht bis zum Unfall­ort vor­drin­gen konnte. Not­arzt und Ret­tungs­sa­ni­tä­ter muss­ten mehr­fach eine Anhöhe bis zum Ein­gang des Gäs­te­be­reichs bzw. einen Weg von ca. 60–70m zurück­le­gen — wert­volle Momente in einer lebens­be­droh­li­chen Situa­tion. Erst rund 50 Minu­ten nach dem Sturz des Fans lan­dete der Ret­tungs­hub­schrau­ber auf dem Rasen des Böl­len­fall­tor — der gestürzte Fan wurde durch das Sta­di­on­in­nere abtrans­por­tiert. Auch hier herrschte bei Polizei- und Ret­tungs­kräf­ten bis zum Abtrans­port Unge­wiss­heit über den best- und schnellst­mög­li­chen Weg.

Aus unse­rer Sicht muss die Frage nach dem Warum deut­lich tief­grün­di­ger gestellt wer­den. In Zei­ten aus­ufern­der Dis­kus­sio­nen über die Sicher­heit in und um deut­sche Fuß­ball­sta­dien stellt sich die Frage sogar noch viel stär­ker. War der bau­lich Zustand der Tri­büne wirk­lich dazu geeig­net, eine sol­che Masse an Fans auf­zu­neh­men? Waren alle sicher­heits­re­le­van­ten Bestim­mun­gen ein­ge­hal­ten oder wur­den auf Teu­fel komm raus Kar­ten für einen Bereich des Sta­di­ons ver­kauft, der so nicht hätte frei­ge­ge­ben wer­den dür­fen? Wel­che Not­fall­kon­zepte hatte der gast­ge­bende Ver­ein für den Fall eines Unglücks und wie gestal­tete sich das in der Rea­li­tät? Wie will der Ver­ein Darm­stadt 98 in Zukunft für die Sicher­heit sei­ner Sta­di­on­be­su­cher sorgen?

All diese Fra­gen soll­ten sich die Ver­ant­wort­li­chen der Poli­zei, der Stadt Darm­stadt und des SV Darm­stadt stel­len und best­mög­lichst beant­wor­ten kön­nen, denn mit dem 1.FC Nürn­berg kommt zum nächs­ten Heim­spiel der Lilien ein ähn­li­ches Schwer­ge­wicht in Sachen Fanaufkommen.

Eure Schwarz-Gelbe Hilfe

Bild­quelle Hin­ter­grund­bild: Jokers Radeberg

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