Über­wa­chungs­staat in den Start­lö­chern – Säch­si­sches Poli­zei­ge­setz steht kurz vor Verabschiedung

14 Juni 2026 | Allgemein

Kurz nach dem Jah­res­wech­sel 2026 war es bereits zu hören, vor gut einer Woche dann die offi­zi­elle Bestä­ti­gung: Die säch­si­sche Land­tags­frak­tion der Par­tei „Bünd­nis Sahra Wagen­knecht“ wird zum Mehr­heits­be­schaf­fer für die Min­der­heits­re­gie­rung aus CDU und SPD. Am 4. Juni 2026 ver­kün­de­ten die drei Par­teien eine Eini­gung zur Novel­lie­rung des Säch­si­schen Poli­zei­ge­set­zes, die aus Sicht der säch­si­schen Fan­hil­fen auf Kos­ten zen­tra­ler Freiheits- und Bür­ger­rechte im Frei­staat Sach­sen gehen wird.

„Das Bekannt­wer­den der Eini­gung zwi­schen der Regie­rungs­ko­ali­tion aus Christ- und Sozi­al­de­mo­kra­ten und der Wagenknecht-Partei lässt uns Fan­hil­fen – und Fuß­ball­fans im All­ge­mei­nen – nur noch kopf­schüt­telnd zurück. Schob das BSW noch Ende April 2026 in einer Stel­lung­nahme den effek­ti­ven Schutz der Grund­rechte voran, rollt die Kleinst­par­tei dem Polizei- und Über­wa­chungs­staat jetzt den roten Tep­pich aus“, so ein Spre­cher der drei säch­si­schen Fan­hil­fen für Fußballfans.

Dass die Koali­tion seit Mona­ten hän­de­rin­gend nach Mehr­hei­ten gesucht und diese nun offen­bar im BSW gefun­den hat, beruht aus Sicht der Fan­hil­fen auf einem fau­len poli­ti­schen Kom­pro­miss: „Dass sich das BSW jetzt damit schmückt, die ame­ri­ka­ni­sche Firma “Palan­tir” und den Ein­satz von Tasern für regu­läre Strei­fen­po­li­zis­tin­nen und ‑poli­zis­ten ver­hin­dert zu haben, ist arm­se­lig“, erklärt ein Ver­tre­ter der Fan­hil­fen. „Die aktu­elle Novel­lie­rung des Säch­si­schen Poli­zei­ge­set­zes bleibt das genaue Gegen­teil der vom Ver­fas­sungs­ge­richts­hof ein­ge­for­der­ten Über­prü­fung des Geset­zes von 2019. Der tech­ni­sche Fort­schritt wird hier als Blau­pause für eine wei­tere Ver­schär­fung genutzt, nur dass eben nicht der US-Softwarehersteller Palan­tir dar­auf ste­hen darf. Trotz der berück­sich­tig­ten Kom­pro­misse hat sich Sach­sen fak­tisch an die Spitze der schärfs­ten Lan­des­po­li­zei­ge­setze gestellt und steht an der Schwelle zu einem poli­zei­li­chen Prä­ven­tiv­staat“, so der Ver­tre­ter weiter.

Fuß­ball­fans bekom­men innen­po­li­ti­sche und poli­zei­recht­li­che Ver­schär­fun­gen meist zeit­nah zu spü­ren; bun­des­weit haben orga­ni­sierte Fan­grup­pen wie die Fan­hil­fen ein (innen-)politisches Gespür dafür ent­wi­ckelt, was poli­zei­recht­li­che Ver­schär­fun­gen auf Län­der­ebene bedeu­ten. Da Fuß­ball­fans als dau­er­haf­tes Sicher­heits­ri­siko gel­ten, wer­den rund um Spiel­tage – nicht nur im Frei­staat Sach­sen – immer wie­der neue Stu­fen von Ein­schrän­kun­gen von Frei­heits­rech­ten aus­pro­biert. Ein Ver­tre­ter der säch­si­schen Fan­hil­fen betont jedoch: „Wir wol­len Fuß­ball­fans hier gar nicht als beson­ders betrof­fen her­vor­he­ben. Die­ses Gesetz – ob mit oder ohne die Ände­run­gen der Wagenknecht-Partei – wird alle Bür­ge­rin­nen und Bür­ger des Frei­staats betref­fen, nicht nur abs­trakt, son­dern ganz kon­kret, etwa durch die flä­chen­de­ckende Aus­wei­tung und KI-gestützte Aus­wer­tung der Videoüberwachung. 

Mit der Geset­zes­no­velle wird die Ero­sion poli­zei­li­cher Ein­griffs­schwel­len fort­ge­führt: Sie ermög­licht den Auf­bau rie­si­ger Daten­be­stände, auto­ma­ti­sierte Ver­fah­ren zur Daten­ana­lyse, einen bio­me­tri­schen Abgleich mit öffent­lich ver­füg­ba­ren Daten wie etwa sozia­len Medien, die Aus­wei­tung der Quellen-TKÜ sowie eine wei­tere Auf­wei­chung des Grund­rechts auf infor­ma­tio­nelle Selbst­be­stim­mung. Als Fan­hil­fen, aber auch als Teil einer kri­ti­schen Zivil­ge­sell­schaft, fra­gen wir uns ernst­haft, was diese neuen Über­wa­chungs­sze­na­rien mit dem Gerech­tig­keits­emp­fin­den der Men­schen machen wer­den. Wie viel Gefah­ren­ab­wehr ver­trägt eine frei­heit­li­che Gesell­schaft? Mit die­sem Gesetz wird staat­li­che Über­wa­chung dau­er­haft zu einer Art Sta­tus quo; viele Rechts­wis­sen­schaft­ler spre­chen schon von einer ‚Ver­ge­heim­dienst­li­chung‘ der Poli­zei­ar­beit“, kon­sta­tiert der Fanhilfe-Vertreter.

Die Poli­zei­ge­setz­de­batte in Sach­sen – wie auch in vie­len ande­ren Bun­des­län­dern – fügt sich ein in eine Dis­kus­si­ons­kul­tur rund um die Innen­mi­nis­ter­kon­fe­ren­zen von Bund und Län­dern, die viel­fach popu­lis­tisch, unse­riös und stark emo­tio­na­li­siert geführt wird. Gerade der säch­si­sche Innen­mi­nis­ter Armin Schus­ter (CDU) trägt nach Ansicht der Fan­hil­fen erheb­lich zu die­ser Debat­ten­kul­tur bei. „Es wird nicht mehr fak­ten­ba­siert dis­ku­tiert, son­dern an das Sicher­heits­ge­fühl der Men­schen appel­liert, das durch die gezielte Fokus­sie­rung auf ein­zelne Berei­che stark emo­tio­na­li­siert wird“, berich­tet der Fanhilfe-Vertreter. Gleich­wohl hat sich auch Wider­stand gegen die Novelle for­miert: „In eini­gen säch­si­schen Städ­ten gab es Podien, Ver­an­stal­tun­gen und Demons­tra­tio­nen gegen die Novel­lie­rung des Poli­zei­ge­set­zes. Wir als Fan­hil­fen haben mit Spruch­bän­dern, Fly­ern und ande­ren Aktio­nen alles getan, um Fuß­ball­fans, aber auch alle Bür­ge­rin­nen und Bür­ger des Frei­staats über die geplan­ten Ände­run­gen zu infor­mie­ren und kri­tisch zu beglei­ten. Wir hof­fen, dass bis zur Ver­ab­schie­dung noch sicht­ba­rer Druck auf der Straße und vor dem Land­tag ent­steht“, so der Sprecher.

Die drei säch­si­schen Fan­hil­fen erneu­ern daher ihren Appell an alle demo­kra­ti­schen Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter des Säch­si­schen Land­tags, am 24. Juni 2026 gegen die Novel­lie­rung des Säch­si­schen Poli­zei­ge­set­zes zu stim­men. Wahrt als gewählte Abge­ord­nete Euer Gesicht und stellt Euch sich gegen einen Frak­ti­ons­zwang oppor­tu­nis­ti­scher Par­tei­en­po­li­tik! Die Wah­rung der Grund­rechte und der infor­ma­tio­nel­len Selbst­be­stim­mung aller Bür­ge­rin­nen und Bür­ger steht auf dem Spiel und droht fak­tisch aus­ge­höhlt zu wer­den. Mit die­sem Geset­zes­ent­wurf steht der Frei­staat Sach­sen an der Schwelle zu einem auto­ri­tä­ren Über­wa­chungs­staat; der glä­serne Bür­ger wird dank KI-gestützter Ana­lyse, ob mit oder ohne Palan­tir, zur gro­tes­ken Rea­li­tät. Abschlie­ßend bleibt fest­zu­hal­ten, dass Innen­po­li­tik und Poli­zei­ar­beit sich nicht zwangs­läu­fig am Rand der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit bewe­gen müs­sen – das zei­gen vor allem Geset­zes­ent­würfe säch­si­scher Oppositionsparteien.

Wir wer­den jeden­falls wei­ter kämpfen.

Fan­hilfe Zwi­ckau — FSV Zwickau 
Rechts­hil­fe­kol­lek­tiv Che­mie Leip­zig — BSG Che­mie Leipzig
Schwarz-Gelbe Hilfe — SG Dynamo Dresden

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